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Mit einem lauten Knall schiebt Mongi Zoghlami die Holzverkleidung vor der Tafel beiseite. Es ist Punkt 16 Uhr, der Tunesier achtet auf Pünktlichkeit – wer zu spät kommt, muss draußen bleiben.

Hier in einem kleinen Raum des evangelischen Gemeindezentrums Dahlbruch sitzen sie, elf Flüchtlinge, die bei dem 64-Jährigen Deutsch lernen wollen. Die meisten von ihnen kommen aus Syrien, viele sind Analphabeten und haben noch nie eine Schule besucht. Es sind größtenteils junge muslimische Männer, fast alle unter 30, die erwartungsvoll unter Holzkreuzen an den Wänden sitzen. „Wenn Ihr lernen wollt, müsst Ihr pünktlich sein“, sagt er mit strenger Stimme, die keinen Widerspruch duldet. „Ihr wollt etwas von uns, nicht wir von Euch. Wir werden Euch nicht hinterherlaufen!“ Disziplin, das merkt man, ist ihm besonders wichtig. Wenn er über das Verhalten der Flüchtlinge zu Beginn spricht, dann verfinstert sich sein Gesicht. „Deren Unterkunft ist 300 Meter entfernt, und trotzdem sind sie am Anfang eine halbe Stunde zu spät gekommen. Das geht nicht!“ Je länger man ihm zuhört, desto mehr verstärkt sich der Eindruck: Es handelt es sich nicht um einen einfachen Sprachkurs, hier geht es auch um Integration. „Ich sage ihnen immer, es gibt drei Sachen, die am wichtigsten sind: Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Respekt.“

Der 64-Jährige selbst kam vor 40 Jahren aus Tunesien nach Deutschland, um bei einem großen Industrieunternehmen als Schlosser zu arbeiten. „Anfangs konnte ich gar kein Deutsch, habe es aber in nur drei Monaten gelernt. Mir hat geholfen, dass ich nur unter Deutschen war. Jetzt versuche ich, das an die Flüchtlinge weiterzugeben.“ Dazu gehören strenge Regeln: Absolute Ruhe, wenn der Lehrer spricht und Handyverbot während des gesamten Unterrichts. Wer sich nicht daran hält, muss gehen. Seine grauen Haare und das kantige Gesicht machen klar, wer hier das Sagen hat. “Man muss streng sein, nur so lernen sie was. Das nehmen sie mir aber nicht übel, manche von ihnen nennen mich sogar ‘Onkel Mongi’”.

Zoghlami beginnt mit einfachen Sprechübungen. Die Flüchtlinge sollen auf Deutsch ihren Namen sagen. Mustafa ist an der Reihe. Er lacht schüchtern und traut sich nicht, vor der großen Gruppe zu sprechen. Zu groß ist seine Angst, Fehler zu machen. Wie viele andere ist er erst seit einigen Wochen in dem Kurs. „Ihr müsst keine Angst haben. Die Deutschen reißen Euch nicht den Kopf ab, wenn Ihr Fehler macht. Sie freuen sich, wenn Ihr Euch Mühe gebt“, versucht Zoghlami ihnen die Angst zu nehmen. Das wirkt. Zaghaft spricht er – leise, fast flüsternd. Seitlich in zweiter Reihe sitzen drei ältere Männer mit grauen Haaren, sie springen ein und helfen Mustafa. Einer von ihnen ist ein mittlerweile pensionierter Deutschlehrer. Mit ruhiger Stimme erklärt er den Teilnehmern die richtige Aussprache und einfache Grammatikregeln. Er ist ehrenamtlich hier und unterstützt Zoghlami, vor allem beim Lernen in Kleingruppen.

In den Kleingruppen betreut ein Helfer drei bis vier Flüchtlinge. Damit die auch verstehen, worum es geht, erklärt Zoghlami alles zweimal – einmal auf Arabisch und einmal auf Deutsch.

Mit dabei ist Amine Saleh mit Ihrer Familie. Sie stammen aus der syrischen Stadt Kobani, die monatelang vom IS belagert wurde. Über die Türkei und den Balkan kamen sie vor sechs Monaten nach Deutschland und wohnen jetzt in Siegen. Immer wieder knetet Amine ihre Hände, schaut nervös in die Luft. Unsicher spricht sie verschiedene deutsche Sätze. Ihre 16-jährige Tochter Leyla ist da offener. Sie lacht viel und spricht schon fast akzentfrei, wenn auch langsam. Lachend streicht sie sich ihre Haare aus dem Gesicht und möchte vom Lehrer wissen, was wahrscheinlich jedes Mädchen in ihrem Alter interessiert: „Was heißt ‚Ich gebe Dir nicht meine Handynummer‘?“.

Bei der Arbeit in Kleingruppen geht es vor allem um eine deutliche Aussprache. Zoghlami lächelt. „Es geht um die einfachen Dinge, darum dass Ihr im Supermarkt oder im Bus mit den Menschen reden könnt.“ Auch aus seiner eigenen Lebenserfahrung weiß er: Integration gelingt nur im persönlichen Kontakt. Aber auch der Zusammenhalt unter den Flüchtlingen ist wichtig. Nachrichten über Schlägereien in Unterkünften kann Zoghlami nicht verstehen. “Die Leute hier in Dahlbruch sitzen alle im selben Boot. Die sind wie eine große Familie, die zusammenhalten muss und Konflikte nicht mit Gewalt löst.”

Für die Zukunft ist Monghi Zoghlami optimistisch. Mustafa, Leyla und die Anderen machen gute Fortschritte, schon nach einer Woche kannten sie das Alphabet und konnten ihre Namen schreiben. Der Kurs ist ein Erfolgsprojekt. Auch die Stadt interessiert sich dafür und schickte kürzlich einen Mitarbeiter vorbei. Der musste allerdings draußen bleiben: er war nicht pünktlich.

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