Gehirnerschütterung, Bewusstlosigkeit, Prellungen, drei Tage Krankenhaus. Die Geschichte eines Opfers von Polizeigewalt, bestehenden rassistischen Strukturen der deutschen Verwaltung und warum sich trotz aller Beteuerungen nichts geändert hat.
Häufig trifft Polizeigewalt genau diejenigen, die bisher einen starken Glauben in den deutschen Rechtsstaat hatten. In diesem Glauben enttäuscht wurde auch Derege Wevelsiep, Deutscher äthiopischer Herkunft. Immer wieder verteidigte er seine Wahlheimat Deutschland gegen im Ausland herrschenden Ressentiments. Rassismus sei in Deutschland schon länger kein Problem mehr – bis er eines Besseren belehrt wurde.
Nach Bekanntwerden der Morde des Zwickauer Nazi-Trios zelebrierte die deutsche Öffentlichkeit, angeführt von Politikern den typischen Betroffenheitsduktus. Schockiert zeigten sie sich. Sie sprachen von notwendigen Veränderungen und strukturellen Problemen, die es zu beseitigen galt.
Doch Paukenschläge wie dieser reichen nicht aus, um etwas zu bewegen, um ein Land aus routinierter Schockstarre zu reißen, von der es nahezu nahtlos ins Ignorieren und Vergessen übergeht.
Kommen schockierende Vorfälle wie die Causa NSU ans Licht, setzt ein Vorgang ein, der gerade dadurch, dass er einem so generischen Muster folgt, einen Status maximaler Unglaubwürdigkeit erreicht hat. Politiker fordern Aufklärung, Veränderung. Andere insistieren, man dürfe nicht in Aktionismus verfallen, ohne zu merken, dass ihre Aussage genau so aktionistisch ist.
Wevelsiep war auf dem Heimweg von der Arbeit und lieh seiner Verlobten seine Monatskarte für den Frankfurter ÖPNV. Als er erfuhr, dass diese kurze Zeit später von Kontrolleuren angehalten wurde, fuhr er zurück, um sie und sein kleines Kind zu unterstützen,
Der Vorwurf lautete, ein anderer Afrikaner sei auf dem Ticket mitgefahren, dies sei verboten. Einwände, sie würden die beschriebene Person nicht kennen, wurden ignoriert.
„Ihr seid hier nicht in Afrika“, entgegnet die Kontrolleurin. Sie solle bitte nicht vergessen, dass wir nicht mehr 1942 haben, reagiert Wevelsiep. Die beinahe beleidigte Antwort: „Bin ich ein Nazi?“ Wevelsiep antwortete, das müsse sie selber wissen.
Doch Nazi ist, wer Naziparolen spricht. Dies scheint in der breiten Gesellschaft noch nicht angekommen zu sein. Schlimm sind Rassismus und Nationalsozialismus nur, wenn sie in konkrete, körperliche Gewalt umschlagen. Unter anderem deswegen führte die Mordserie des NSU zu einem Aufschrei, struktureller und alltäglicher Rassismus und Diskriminierung hingegen stoßen so gut wie immer auf eine ungesunde Mischung aus Ignoranz und Desinteresse.
Doch Wevelsiep wollte sich diese Beleidigung nicht gefallen lassen. Um die Situation zu klären, rief er die Polizei, einen Systemapparat, der unter anderem durch Schikanierung von demonstrierenden Flüchtlingen und rassistische Kalender auffällt.
Die Beamten verhafteten und beleidigten ihn, er wollte sich nicht fesseln lassen, schließlich hatte er ein Ticket dabei, er musste lediglich seinen Personalausweis aus seiner Wohnung holen.
„Ich zähle bis zwei“, sagt der Polizist. „Und dann?“ Der Beamte zählt bis zwei, holt aus und streckt Wevelsiep nieder. Auf dem Boden treten die Polizisten nach und fesseln ihn.
Als seine Verlobte die gemeinsame Wohnung betritt, findet sie ihn bewusstlos im Schlafzimmer auf dem Boden. Sie muss sogar darauf bestehen, dass er ins Krankenhaus gebracht wird. Die Polizisten versuchten, den von ihr gerufenen Rettungswagen wieder wegzuschicken.
Vorfälle wie dieser sind mitnichten Einzelfälle, es sind vielmehr strukturelle Probleme, die die Politik mit gewohnter Regelmäßigkeit zu bekämpfen verspricht. Doch woran liegt dieses Mentalitätsproblem, dass Alltagsrassismus in Deutschland aller Leugnungen zum Trotz verbreitet ist und doch weitestgehend ignoriert wird, bei Vorfällen wie der NSU jedoch alle in Betroffenheit verfallen?
Wir entdecken unsere Betroffenheit meist erst dann, wenn sie nah genug ist und wir die Protagonisten kennen. Dazu reicht es, wenn uns dies bei großen Ereignissen durch die Medien kommuniziert wird. Der Aufschrei ist groß und vor allem schnell wieder vorbei. Das liegt unter anderem daran, dass die Medien, immer am Puls der Zeit, meist nur über große Vorfälle berichten, bei denen das Empörungspotential groß genug ist, nicht jedoch über alltägliche Kleinigkeiten wie strukturelle Diskriminierung. Medien sollten aber nicht nur über aktuelle Ereignisse berichten, sondern auch generelle Probleme aufdecken.
Es ist also wichtig, Ressentiments und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit schon in der kleinsten Form zu bekämpfen und sichtbar zu machen. Körperliche Gewalt, die uns erst aufschreien lässt, ist nur die logische Folge daraus.




