Jun 14 2013

Notunterkunft für Flutopfer im Jerichower Land gesucht

Vom Hochwasser im Osten Deutschlands sind Tausende betroffen. Viele haben massive Schäden an ihre Häusern, andere gar keine Häuser mehr. So geht es einem Mann aus Fischbeck an der Elbe.

Er hat sein gesamtes Haus verloren, das was steht, ist unbewohnbar. Er muss morgen mit seinen zwei Kindern und zwei Hunden die Evakuierungsstelle bei Jerichow verlassen. Zurzeit hat er keine Ahnung, wo er die nächsten Nächte mit seinen Kindern verbringen wird.

Daher der dringende Aufruf: Wer kann drei Personen und zwei Hunde im Kreis Jerichower Land aufnehmen? Sollte jemand diese Möglichkeit haben, bitte unter 01721911874 oder [email protected] melden. Den Menschen wäre damit sehr geholfen!


Nov 7 2012

Gehirnerschütterung, Bewusstlosigkeit, Prellungen – warum sich trotz NSU nichts geändert hat

Gehirnerschütterung, Bewusstlosigkeit, Prellungen, drei Tage Krankenhaus. Die Geschichte eines Opfers von Polizeigewalt, bestehenden rassistischen Strukturen der deutschen Verwaltung und warum sich trotz aller Beteuerungen nichts geändert hat.

 

Häufig trifft Polizeigewalt genau diejenigen, die bisher einen starken Glauben in den deutschen Rechtsstaat hatten. In diesem Glauben enttäuscht wurde auch Derege Wevelsiep, Deutscher äthiopischer Herkunft. Immer wieder verteidigte er seine Wahlheimat Deutschland gegen im Ausland herrschenden Ressentiments. Rassismus sei in Deutschland schon länger kein Problem mehr – bis er eines Besseren belehrt wurde.

Nach Bekanntwerden der Morde des Zwickauer Nazi-Trios zelebrierte die deutsche Öffentlichkeit, angeführt von Politikern den typischen Betroffenheitsduktus. Schockiert zeigten sie sich. Sie sprachen von notwendigen Veränderungen und strukturellen Problemen, die es zu beseitigen galt.

Doch Paukenschläge wie dieser reichen nicht aus, um etwas zu bewegen, um ein Land aus routinierter Schockstarre zu reißen, von der es nahezu nahtlos ins Ignorieren und Vergessen übergeht.

Kommen schockierende Vorfälle wie die Causa NSU ans Licht, setzt ein Vorgang ein, der gerade dadurch, dass er einem so generischen Muster folgt, einen Status maximaler Unglaubwürdigkeit erreicht hat. Politiker fordern Aufklärung, Veränderung. Andere insistieren, man dürfe nicht in Aktionismus verfallen, ohne zu merken, dass ihre Aussage genau so aktionistisch ist.

Wevelsiep war auf dem Heimweg von der Arbeit und lieh seiner Verlobten seine Monatskarte für den Frankfurter ÖPNV. Als er erfuhr, dass diese kurze Zeit später von Kontrolleuren angehalten wurde, fuhr er zurück, um sie und sein kleines Kind zu unterstützen,

Der Vorwurf lautete, ein anderer Afrikaner sei auf dem Ticket mitgefahren, dies sei verboten. Einwände, sie würden die beschriebene Person nicht kennen, wurden ignoriert.

„Ihr seid hier nicht in Afrika“, entgegnet die Kontrolleurin. Sie solle bitte nicht vergessen, dass wir nicht mehr 1942 haben, reagiert Wevelsiep. Die beinahe beleidigte Antwort: „Bin ich ein Nazi?“ Wevelsiep antwortete, das müsse sie selber wissen.

Doch Nazi ist, wer Naziparolen spricht. Dies scheint in der breiten Gesellschaft noch nicht angekommen zu sein. Schlimm sind Rassismus und Nationalsozialismus nur, wenn sie in konkrete, körperliche Gewalt umschlagen. Unter anderem deswegen führte die Mordserie des NSU zu einem Aufschrei, struktureller und alltäglicher Rassismus und Diskriminierung hingegen stoßen so gut wie immer auf eine ungesunde Mischung aus Ignoranz und Desinteresse.

Doch Wevelsiep wollte sich diese Beleidigung nicht gefallen lassen. Um die Situation zu klären, rief er die Polizei, einen Systemapparat, der unter anderem durch Schikanierung von demonstrierenden Flüchtlingen und rassistische Kalender auffällt.

Die Beamten verhafteten und beleidigten ihn, er wollte sich nicht fesseln lassen, schließlich hatte er ein Ticket dabei, er musste lediglich seinen Personalausweis aus seiner Wohnung holen.

„Ich zähle bis zwei“, sagt der Polizist. „Und dann?“ Der Beamte zählt bis zwei, holt aus und streckt Wevelsiep nieder. Auf dem Boden treten die Polizisten nach und fesseln ihn.

Als seine Verlobte die gemeinsame Wohnung betritt, findet sie ihn bewusstlos im Schlafzimmer auf dem Boden. Sie muss sogar darauf bestehen, dass er ins Krankenhaus gebracht wird. Die Polizisten versuchten, den von ihr gerufenen Rettungswagen wieder wegzuschicken.

Vorfälle wie dieser sind mitnichten Einzelfälle, es sind vielmehr strukturelle Probleme, die die Politik mit gewohnter Regelmäßigkeit zu bekämpfen verspricht. Doch woran liegt dieses Mentalitätsproblem, dass Alltagsrassismus in Deutschland aller Leugnungen zum Trotz verbreitet ist und doch weitestgehend ignoriert wird, bei Vorfällen wie der NSU jedoch alle in Betroffenheit verfallen?

Wir entdecken unsere Betroffenheit meist erst dann, wenn sie nah genug ist und wir die Protagonisten kennen. Dazu reicht es, wenn uns dies bei großen Ereignissen durch die Medien kommuniziert wird. Der Aufschrei ist groß und vor allem schnell wieder vorbei. Das liegt unter anderem daran, dass die Medien, immer am Puls der Zeit, meist nur über große Vorfälle berichten, bei denen das Empörungspotential groß genug ist, nicht jedoch über alltägliche Kleinigkeiten wie strukturelle Diskriminierung. Medien sollten aber nicht nur über aktuelle Ereignisse berichten, sondern auch generelle Probleme aufdecken.

Es ist also wichtig, Ressentiments und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit schon in der kleinsten Form zu bekämpfen und sichtbar zu machen. Körperliche Gewalt, die uns erst aufschreien lässt, ist nur die logische Folge daraus.


Jun 12 2012

Herr Gauck und die Glückssucht

Auf Spiegel Online äußert sich der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck wie folgt:

“Und dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glücksüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen.”

Herr Gauck,

Ich habe mich ja schon daran gewöhnt, dass Sie wie ein Kind, welches nie Süßigkeiten essen durfte durch die Süßwarenabteilung des kapitalistischen Ideologiekaufhauses rennen und sich den Bauch vollstopfen bis Sie uns das ganze dann in irgendwelchen Interviews vor die Füße kotzen. Passiert. Ich habe mich daran gewöhnt, dass Sie ihre Position nutzen um meinen Mitmenschen, die islamischen Glaubens sind, dass ihre Religion keineswegs zu Deutschland gehört, ihre eigene aber natürlich schon. Kurz gesagt: Ich habe Sie bisher als wenig reflektierten, rechtkonservativen Prediger von Kapitalismus und Christentum wahrgenommen. Das ist schlimm, aber da rege ich mich nur drüber auf und mache später Witze drüber.

Jetzt aber als Vertreter der Bundesrepublik zu erzählen, dass Menschen ja nur Probleme mit toten deutschen Soldaten haben wegen irgendwelcher Glückssucht ist an Widerlichkeit kaum zu überbieten. Ich will keine deutschen Soldaten in Angriffskriegen sehen und das hat nicht mit Glückssucht zu tun, sondern mit historischem Bewusstsein und Humanismus sie Cretin.

Ihr weiteres Verbleiben im höchsten Amt der Bundesrepublik ist ein Schlag ins Gesicht eines jeden Kriegsopfers, jedes “Kollateralschadens”. Sie schaffen es im Vorbeigehen, das Niveau von Herrn Wulff zu unterbieten. Ist ja auch ne Leistung.

 

–via @tante


May 23 2012

Mein Brief an Karsten Albrecht (CDU)

Sehr geehrter Herr Albrecht,
mein Name ist Robert Clausen und ich bin Redakteur beim Online-Magazin gulli.com.
Seit einigen Tagen kursiert im Netz ein Brief von Ihnen adressiert an die Bewohner der Auerbachstraße. Der Brief ist datiert auf den 07.05.2012. Darin motivieren Sie die Anwohner, der Polizei Hinweise über die wie Sie es nennen “links alternative Szene” zukommen zu lassen. 
Ich würde gerne von Ihnen wissen:
1. Ist die Polizei nicht selbstständig in der Lage, Ermittlungen zu führen, oder warum sollen Anwohner dabei helfen?
2. Wieso sollten der Polizei Hinweise über Personen dienlich seien, die lediglich eine (wahrscheinlich) andere politische Einstellung haben?
3. Halten Sie es für richtig, eine ganze Gruppe von Menschen unter Generalverdacht und Beobachtungen zu stellen?
4. Werden die Personen der links alternativen Szene bestimmter Straftaten verdächtigt?
4b. Wenn ja, warum ermittelt die Polizei nicht auf dem normalen Weg gegen die Verdächtigen?
5. Stellen Ihrer Meinung nach Personen der linken Szene eine größere Gefahr dar als Mitglieder der rechten Szene?
6. Wieso beschränkt sich der Aufruf auf Mitglieder der linken Szene? Würden Sie einen gleichen Aufruf auch gegen Mitglieder der rechten Szene machen?
7. Hat Leipzig ein Problem mit links alternativen Personen?

Über eine baldige Antwort würde ich mich sehr freuen.
Mit freundlichen Grüßen,

Robert Clausen

Der Brief von Herrn Albrecht:


May 4 2012

Buch – mögliche Einleitung oder so

„Na klar kann man hier rauchen“, sagt er und fingert ein Softpack blaue Gauloises aus der Tasche seines Kapuzenpullis. Er lächelt und zündet sie an. Trotz buntem Irokesen, markanter schwarzer Brille und derber Lederstiefel wirkt er weich, gefühlvoll. Er saugt an der Zigarette und lässt sie dann wieder derart zwischen seinen Fingern baumeln, dass ich befürchte, sie fällt jeden Moment aus seiner Hand. Ich packe das Bier und mein Diktiergerät auf den Tisch und drücke ‘record’. Ein rotes Lämpchen signalisiert, dass die Aufnahme läuft. „Dann legen wir mal los“, sage ich etwas unbeholfen und öffne mein erstes Bier. Stephans Blick ist auf sein MacBook gerichtet, er liest ununterbrochen Twitter-Nachrichten und checkt E-Mails, ganz nebenbei, wendet dann plötzlich den Blick vom Bildschirm auf mich. Es geht also los.

„Wie geht es dir?“ Der Blick wandert zurück zum Bildschirm. Das Schweigen wird nur von Klicks durchbrochen, er scrollt, überfliegt Nachrichten. „Ich weiß es nicht“, erwidert er, ohne aufzublicken. Klick, klick. Stille. „Ich lese dir etwas aus meinem Blog vor“, sagt er. Ich nicke. Seine Finger fliegen über die Tastatur. Es ist ein bisschen, als würde ich ein Interview mit einem charmanten Computer führen. Einem Computer mit Gefühlen. Einem Computer, der weint. Nach und nach verliert sich die elektronische Mauer zwischen uns und transformiert zu einem elektrischen Träger, einem Weg für ihn seine Erfahrungen und Emotionen zu übermitteln. Stephan liest und liest, seine Stimme wird von Tränen getragen, die seine Wangen nie berühren.  Dann stockt er, die Arme hat er, wie fast das gesamte Gespräch über, verschränkt, seine Augen tanzen über das Computer-Display. Die langsame Annäherung ist abrupt beendet, die Arme, die geschlossenen Augen, das Zurückdrücken in das Polster seiner Eckbank symbolisieren eine Starre. Eine physische Starre, die er vielleicht braucht, um dem psychischen Aufruhr standzuhalten, denke ich. „Ich konnte einfach nicht mehr.“ Klick. Klick. „Und dann?“ Ich schaue mich in dem gelben Zimmer um. Das Gelb wirkt weder fröhlich, noch sonnig. „Dann wollte ich mich umbringen.“ Klick. Klick. Klick. Das Klicken der Tasten rauscht in meinen Ohren.

In dieser Geschichte geht es nicht um Selbstdarstellung, Werbung oder Geld. Es geht um Menschen und um ihr Leben. Ein Leben, dass manchen von ihnen genommen wurde. Einige sind unter Schreien auf den Straßen der Revolution gestorben, andere ganz heimlich, vom Sofa aus. Bei anderen sind Teile ihres Selbst gestorben, an dem was sie sahen, an dem was sie taten und nicht tun konnten. Stephan Urbach lebt. Weil er gelernt hat, dass es Menschen gibt, denen es geht wie ihm. „Einer von uns hat es nicht geschafft. Wir hatten ein Memorial für ihn, beim Chaos Communication Camp. An jenem Abend wollte ich mich umbringen. Aber ich wollte nicht, dass diese Leute, meine Freunde, beim nächsten Camp um mich weinen.“ Er lebt, um seine Geschichte zu erzählen. Um Menschen näher zu bringen, was Aktivismus bedeutet. Um anderen Aktivisten zu helfen mit ihrer Depression zu leben. „Man muss verstehen, dass es okay ist, sich zurück zu nehmen. Dass es nötig ist. Wir passen jetzt besser aufeinander auf.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf http://stephanurbach.de/

CC BY NC SA 3.0 Deutschland


Mar 10 2012

Homs – allein mit dem Tod

Auch wenn die Lage in Syrien und speziell in Homs zu stagnieren scheint, verschlimmert sich die Situation dort von Tag zu Tag. Neben dem täglichen Bombardement, von dem vor allem das Armenviertel Baba Amr betroffen ist, spitzt sich vor allem die humanitäre Lage zu. Dort wurde am Mittwoch den 25 Februar das letzte Feldlazarett in Baba Amr bombardiert, das von den Einwohnern “Dignity-Hospital” genannt wurde. Diese Hoffnung für Verwundete ist nun zerstört.

Bürgerjournalisten machen deutlich, wie groß ihre Not ist. Das Armenviertel Baba Amr, das vollständig unter der Kontrolle der Freien Syrischen Armee steht, ist komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Es kommt kaum noch jemand hinein und erst recht niemand mehr raus. Umlagert ist das Viertel von mehreren hundert Panzern der Assad-Armee, die laut Bürgerjournalist Rami ausreichen, um ein ganzes Land zu befreien. Dass es Sanitätern des roten Kreuzes am Freitag gelungen ist, zwanzig Verwundete zu evakuieren, ist die absolute Ausnahme. Diese Evakuierungsmission fand allerdings statt, während das Bombardement weiter andauerte. Eine Gefechtspause gab es nicht.
Und während die Welt zuschaut, sterben die Menschen in Baba Amr mittlerweile nicht nur durch das Bombardement. Auch wenn pro Minute mindestens fünf Granaten das Viertel treffen, sterben die Menschen an Unterernährung oder Dehydrierung.
“Wenn wir nicht durch die Granaten sterben, dann dadurch, dass wir nichts zu Essen haben”, erzählt der Aktivist Abu Abdel. Er berichtet von mehreren Personen, die versuchten, Lebensmittel nach Baba Amr zu schmuggeln. Mindestens einer von ihnen wurde erschossen, die anderen verhaftet. Langsam geht auch das Trinkwasser aus. Die Wassertanks, die sich auf Hausdächern befinden, sind durch die Mörser- und Raketenangriffe größtenteils zerstört. Die einzige Möglichkeit für viele Menschen in Baba Amr ist, Regenwasser zu trinken. Doch auch weiterhin sind die Informationen nicht vollständig, da keine unabhängigen Journalisten nach Syrien reisen dürfen, und diejenigen, denen die Einreise erlaubt wird, stehen unter ständiger Beobachtung des syrischen Regimes.
Ein weiteres großes Problem ist die medizinische Versorgung, die quasi kaum existent ist. Verletzte werden in Wohnungen mit Küchenmesser, Bindfaden und Nähnadel operiert, größtenteils von Krankenschwestern oder unerfahrenen Bürgern. Der ohnehin schon spärliche Vorrat an Medikamenten ist fast vollständig aufgebraucht. Operationen müssen deshalb ohne Desinfektion oder Betäubungen durchgeführt werden. Der Aktivist Rami berichtet, meistens seien diese Operationen nicht erfolgreich. “Die Menschen sterben und wir können nichts dagegen tun. Es gibt einen so großen Mangel an Medikamenten”. Er berichtet von Aktivisten, denen es gelang, einen Beutel mit Medikamenten in das belagerte Viertel Baba Amr zu schmuggeln. Auch über so geringe Mengen sind die Einwohner dankbar. Bei den Aktivisten und speziell bei den Ärzten überwiegt mittlerweile die Resignation, dass sie oft nichts tun können, um die Lage zu verbessern. Neben diesem Gefühl der Hilflosigkeit existiert auch das Unverständnis gegenüber der Haltung anderer Länder: “Wir sterben hier und können nichts tun und die anderen Länder haben nichts besseres zu tun, als zu debattieren und uns nicht zu helfen”


Mar 10 2012

Omar ist tot

“Wenn die ganze Sache hier vorbei ist und Syrien ein freies Land ist, dann komm mich besuchen. Du kannst in meinem Haus wohnen”. Das waren die Worte von Mazhar Tayyara, Bürgerjournalist aus Homs, einer der größten Protesthochburgen gegen das Assad-Regime. Seit Monaten schon herrscht dort Bürgerkrieg, die Soldaten des Regimes verbündet mit bezahlten Milizen gegen die Freie Syrische Armee, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Zivilisten zu beschützen. Nun hat es Mazhar erwischt. Er ist einer von über 200 Syrern, die in den vergangenen Tagen während der Angriffe auf Homs starben. Vor seinem Tod musste sein bürgerlicher Name verschwiegen werden, zu groß war seine Angst vor dem Geheimdienst, der immer wieder Menschen verschwinden lässt.
Gerade als Bürgerjournalist hatte sich Mazhar, oder Omar der Syrer, wie er sich im Netz nannte, unbeliebt beim Assad-Regime gemacht. Er war in seinem Viertel Inshaat, nördlich des umkämpften Stadtteils Baba Amr, einer von wenigen mit einer Kamera, mit denen er hochauflösende Bilder an westliche Medien schickte. Viele andere besitzen nur Handykameras, mit denen sie verwackelte Youtube-Videos drehen.
Er war einer der wichtigsten Partner für Journalisten aus aller Welt. Für viele Leute war er die Hauptkontaktperson, er führte eingeschmuggelte Journalisten durch Homs, teilweise während der Angriffe des Militärs. Er arbeitete nicht nur mit dem Spiegel, der Welt und dem Guardian zusammen, er ließ sich auch live in die Sendungen von CNN und al-Dschasira schalten. Mazhar hat große Gefahren auf sich genommen, um der Welt zu zeigen, was wirklich in Syrien passiert.
Über seine genauen Todesumstände herrscht allerdings noch Unklarheit. Einige sagen, er habe sich gerade in seinem Haus aufgehalten, als dieses von Mörsergranaten getroffen wurde. Andere sagen, er sei während des Bombardements in den Straßen unterwegs gewesen, entweder um Bilder mit seiner Kamera zu schießen oder um Verwundeten zu helfen. Beides würde zu ihm passen. In seiner Freizeit hatte sich der Student nämlich beim Roten Halbmond zum Sanitäter ausbilden lassen, um Verletzten helfen zu können. Er scheute auch kaum ein Risiko, um die Weltöffentlichkeit zu informieren, obwohl er wusste, was der Geheimdienst mit Leuten wie ihm macht. Unabhängiger Journalismus in Syrien ist nämlich immer noch Magelware. Die wenigen Journalisten, die eine Erlaubnis der Behörden bekommen, werden in ihrer Arbeit dermaßen eingeschränkt, dass eine vernünftige Berichterstattung nicht möglich ist. Genau deshalb sind Menschen wie Mazhar wichtig, um Informationen direkt aus den umkämpften Gebieten nach außen dringn zu lassen.
Mazhar starb im Alter von 24 Jahren. Er hinterlässt seine Familie mit drei kleineren Brüdern. Sein Traum war es, sein Ingineursstudium zu beenden und in den USA seinen Doktor zu machen. “Anschließend will ich in meine Heimat zurückkehren, um mein Land voranzubringen.”


Mar 10 2012

2 days ago i almost got shot by a sniper – Die Menschen hinter der syrischen Revolution

“2 days ago i almost got shot by a sniper” – Das ist einer der ersten Sätze, die ich von Omar höre. Omar ist ein junger syrischer Aktivist aus Homs. Man merkt ihm im Skype-Gespräch deutlich an, dass er froh ist, seine Geschichten jemandem zu erzählen. Und zu erzählen gibt es in der syrischen Revolution viel. Doch die Berichte, die wir hören, das, was die Medien transportieren können, kann nicht beschreiben wie es den Menschen geht und was für Geschichten dahinter stecken.
Was Omar erzählt, ist viel persönlicher. Er berichtet von einem Vorfall Mitte diesen Jahres, bei dem so viele Menschen erschossen wurden, dass die Leichen teilweise noch bis heute den Angehörigen übergeben werden. Am Tag zuvor waren mehrere Menschen erschossen worde, also zogen die Bewohner von Homs zur Moschee, um dort für die Getöteten zu beten. Auf dem Rückweg wunderten sie sich schon, warum keine Sicherheitskräfte zu sehen waren. Sollte dieser Tag friedlich verlaufen? Auf einem großen Platz versammelten sie sich zu einer Sitzblockade, um eine Mahnwache für die Toten abzuhalten, als plötzlich die Armee aus drei Seiten den Platz umringte und das Feuer eröffnete. Die Leichen der an diesem Tag ermordeten werden teilweise noch heute den Familien übergeben, nachdem sie mit Müllautos abtransportiert wurden. Die Straßen wurden anschließend mit Feuerwehrautos vom Blut gereinigt.

Während ich mit den Menschen über Skype spreche wird gerade der District Baba Amr in Homs angegriffen. Sie können im Hintergrund das Einschlagen der Mörsergranaten und das Feuer aus schweren Maschinengewehren hören. Auf die Straße trauen sie sich ab Nachmittag gar nicht mehr. Die Straßen gleichen in bestimmten Gebieten Friedhofswegen. Einerseits, weil sie so leer sind, andererseits weil abseits die Leute liegen, die sich doch auf die Straßen wagten. Ab dem Nachmittag regieren die Shabiha, die Geisterhaften. Sie sind die Scharfschützen des Regimes, die Angst verbreiten. Auf den Dächern und in Fenstern lauernd warten sie ab, bis jemand in Reichweite kommt. Wenn der erste Schuss nicht tödlich ist, warten sie, bis andere Leute kommen, um dem Verwundeten zu helfen – dann drücken sie ein zweites Mal ab.

“Es gibt verschiedene Arten zu sterben”
Die Geschichten, die ich von Omar und seinen Bekannten höre, sind teilweise persönlich, teilweise aber auch brutal neutral. So gut wie jeder von ihnen hat schon Familienangehörige verloren, musste mit ansehen, wie Freunde neben ihnen zu Boden gehen, oder wie die Leichen von Gefolterten den Familien zurückgegeben werden, wenn dies überhaupt passiert. Omar erzählt mir, es gäbe verschiedene Arten zu sterben. Viele Opfer werden von der Armee erschossen, die seit Wochen die Hochburgen des Protests belagert. Andere sterben durch das Bombardement der Städte. Dazu nutzt die Armee von Assad entweder Mörsergranaten oder Panzer. Da die Panzer sich aber in den engen Straßen des Armenviertels Baba Amr nicht bewegen können, nehmen sie von außerhalb jede Straße unter Beschuss, die nach Baba Amr führt. Diverse Youtube-Videos zeigen, was von einem Menschen übrig bleibt, der von einer Panzergranate getroffen wurde. Auch der Geheimdienst ist eine Ursache für die vielen Toten. Wer von ihm verschleppt wird landet meist in Foltergefängissen. Omar erzählt, dass dort auch Bohrmaschinen eingesetzt werden. Auch das ist durch Videos belegt. Die Neutralität, mit denen diese Geschichten teilweise erzählt werden ist beängstigend.
Es gibt aber auch die andere Seite der Revolution: Menschen, die sich trotz der Gräueltaten des Regimes immer noch auf die Straße wagen, obwohl sie wissen, was ihnen passieren kann. Sie wissen, dass sie jeden Moment die Kugel eines Scharfschützen treffen kann. Sie wissen, dass hinter jeder Ecke ein Panzer auf sie warten kann, um sie in Empfang zu nehmen. Sie haben gesehen, wie ihren Freunden aus nächster Nähe in den Kopf geschossen wurde. Und doch lassen sich diese Menschen nicht von ihrem Glauben in ein besseres Land abbringen. Omar sagt, Syrien sei ein schönes Land. Aber durch das repressive Regime gäbe es kaum Möglichkeiten, etwas daraus zu machen. Auch er erhofft sich ein besseres Land für ihn und seine Nachkommen. Die Meisten von ihnen demonstrieren friedlich, es formiert sich aber ein bewaffneter Widerstand. Desertierte Soldaten, die nicht von ihren Kollegen erschossen wurden bilden die FSA, die Free Syrian Armee. Es scheint wie ein Kampf zwischen David und Goliath. Auf der einen Seite die Armee von Assad, bewaffnet mit Panzern, Mörsergranaten und Kampfflugzeugen, auf der anderen die Rebellen, teilweise nur mit Maschinengewehren und RPGs ausgestattet.
Auch wenn auf vielen Videos zu sehen ist, wie Menschen Allahu Akbar, Gott ist groß, durch die Straßen rufen, scheint die Toleranz gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen und Religionen durch die Revolution gewachsen. Durch sie haben Menschen miteinander zu tun, die sich ansonsten nie begegnet wären. Sie alle eint der Hass gegen das autoritäre Regime von Baschar al Assad und der Glaube, gemeinsam und friedlich für ein besseres Land zu sorgen. Auch geschätzte 5000 Tote können an diesem Glauben nichts ändern. Omar jedenfalls ist entschlossen, so lange weiter zu machen bis sich etwas ändert.
Mich hat er zu sich nach Hause eingeladen, sollte die Revolution gelingen. Er hat mich eingeladen, die Schönheit seines Landes und die Gastfreundlichkeit der Einwohner kennen zu lernen. Ich könne dann bei ihm in seinem Haus wohnen. Wer weiß, vielleicht wird dieser Tag irgendwann einmal kommen.

 

 

Update 07.02.12:

Omar ist tot. Das hat meine Kollegin Gabriela Keller mir heute mitgeteilt. Noch gibt es widersprüchliche Angaben über seinen Tod. Manche sagen, er sei von einer Panzergranate getroffen worden, andere meinen, sein Haus sei von Mörserfeuer getroffen worden. Omar galt als wichtige Figur in Homs, da er eingeschmuggelte Journalisten durch die Stadt führte und einer der wenigen war, die eine Kamera besaßen, mit der man hochauflösende Fotos machen kann. Auch das Bild in diesem Artikel stammt von Omar. Er hat sich sehr gewünscht, dass es veröffentlicht wurde. Er wurde 23 Jahre alt.


Nov 3 2011


Nov 3 2011